Das Berufsbild der Pflege hat viele Facetten. Anlässlich des „Magen-Darm-Tags“ am 7. November sprechen wir mit Gisela Stevens und Franzis Helmer, die im St. Franziskus-Hospital als Pflegeexpertinnen für Stoma, Kontinenz und Wunde tätig sind

Wenn ein künstlicher Darm-Ausgang nötig wird

Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 65.000 Menschen an Darmkrebs. Auch chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn kommen immer häufiger vor. Viele Patientinnen und Patienten mit diesen und anderen Diagnosen werden im Laufe ihrer Behandlung am Darm operiert – etwa 500 pro Jahr sind es allein im Darmzentrum des St. Franziskus-Hospitals. „Wenn ein Stück des Darms entfernt werden muss, kann zur Entlastung manchmal ein künstlicher Darmausgang notwendig werden, das so genannte Stoma – manchmal vorübergehend, manchmal bleibend“, erläutern Gisela Stevens und Franzis Helmer. Seit die beiden Gesundheits- und Krankenpflegerinnen die Weiterbildung zur Pflegeexpertin für Stoma, Kontinenz und Wunde absolviert haben, gehört die Begleitung und Versorgung dieser Stoma-Patientinnen und -Patienten zu ihren zentralen Aufgaben.

Das Team der Pflegespezialistinnen für Stoma, Kontinenz und Wunde im St. Franziskus-Hospital – fotografiert im November 2019.

Umfassende zweijährige Weiterbildung in der Stoma-Therapie

Die Stoma-Therapie beginnt bereits vor der Darm-Operation und reicht bis in die Entlass-Phase. „Wir begleiten die Patientinnen und Patienten während ihres gesamten stationären Aufenthaltes – und oft auch darüber hinaus“, erläutert Gisela Stevens. „Wir informieren, beraten und bieten praktische Anleitung mit dem Ziel, dass die Stoma-Patientinnen und -Patienten sich zu Hause selbst gut versorgen können.“ In einer anspruchsvollen zweijährigen Weiterbildung hat sich die Pflegeexpertin für diese Aufgaben qualifiziert – genauso wie ihre Kollegin Franzis Helmer. Für beide war es die zweite Spezialisierung. „Nach der Krankenschwester-Ausbildung haben wir beide 20 Jahre lang zusammen auf der Intensivstation im St. Franziskus-Hospital gearbeitet und dort bereits die Fachweiterbildung zur Anästhesie- und Intensivpflege absolviert“, erzählt Schwester Franzis.

Auf Station 11 steht den Stoma-Therapeutinnen ein Raum für die Beratung der Patientinnen und Patienten zur Verfügung.

Berufsbegleitend eine weitere Fortbildung zu stemmen, sei schon eine große Herausforderung gewesen, berichten die Pflegeexpertinnen: Zwei Jahre lang hatten sie jeden Monat Blockunterricht, darüber hinaus waren zwei externe Praktika zu absolvieren, viele Facharbeiten und Präsentationen zu erstellen und zu jedem Lernabschnitt Prüfungen abzulegen. Umso dankbarer seien sie für die Unterstützung gewesen, die sie von ihren Familien und von ihren Kolleginnen und Kollegen im Hospital erhielten.

Gelohnt habe sich die Investition in doppelter Hinsicht. „Zum einen verfügen wir jetzt über umfassendes Spezialwissen, das unseren Patientinnen und Patienten zu Gute kommt“, sagen Gisela Stevens und Franzis Helmer, „und zum anderen ist unsere Arbeitszeit familienfreundlicher geworden, weil wir nicht mehr in Wechselschichten arbeiten, sondern montags bis freitags im Tagdienst eingesetzt werden.“ Da die Zahl der Darmpatientinnen und -patienten im Darmzentrum des St. Franziskus-Hospitals weiter steigen und die Aufgaben im Bereich der Wundversorgung ebenfalls zunehmen, ergänzt seit dem 1. Oktober 2020 Sandra von Winzkowsky als dritte Kollegin das Team der Pflegeexpertinnen. Sie absolviert zurzeit ebenfalls die von der Fachgesellschaft Stoma, Kontinenz und Wunde e.V. konzipierte und organisierte Weiterbildung.

Für ein selbstbestimmtes Leben mit künstlichem Darm-Ausgang

Noch immer ist der künstliche Darm-Ausgang eher ein gesellschaftliches Tabu-Thema, obwohl in Deutschland etwa 160.000 Menschen mit einem Stoma leben. Auch unter den Patientinnen und Patienten, die nach einer Darm-Operation mit einem künstlichen Ausgang versorgt werden, ist die Akzeptanz unterschiedlich. „Wer schon lange unter einer schweren Darmerkrankung leidet, sieht auch die Vorteile eines Stomas“, erläutert Franzis Helmer. Trotzdem werde der künstliche Darm-Ausgang als ein Einschnitt hinsichtlich der Lebensqualität empfunden und als eine Störung des Körperbildes.

Pflegeexpertin Franzis Helmer bestückt die individuelle Versorgungstasche für einen Patienten.

Im Kontakt mit den Patientinnen und Patienten gehe es daher neben der rein medizinisch-pflegerischen Information daher auch immer wieder um die Begleitung im Gespräch, ergänzt Schwester Gisela – auch schon vor der Operation. „Wir lernen die Patientinnen und Patienten nach der ärztlichen Aufklärung kennen“, erklärt sie. „Zu unseren Aufgaben gehört dann die Vorstellung der Stoma-Therapie, aber auch die Markierung der Stelle, die für die Anlage eines Stomas am besten geeignet ist – denn die ist individuell verschieden.“ Die genaue Vorbereitung und Planung der Operation trage entscheidend dazu bei, dass die Patientinnen und Patienten später gut mit dem künstlichen Darmausgang zurechtkommen.

Diesem Ziel dient auch die intensive Information und Beratung nach der Operation: Die Stomatherapeutinnen sprechen mit den Betroffenen über verschiedene Versorgungsmöglichkeiten, stellen den Patientinnen und Patienten eine „Versorgungstasche“ zur Verfügung, sobald die passende Auswahl getroffen wurde – und zeigen ihnen, wie sie selbst mit dem Stoma zurechtkommen. „Oft beziehen wir auch die Angehörigen in diese Anleitung mit ein“, sagt Franzis Helmer, „denn auch für sie stellt das Stoma eine große Herausforderung dar – sowohl psychisch als auch ganz praktisch.“

„Ich muss mein Stoma praktisch als Freund betrachten - schließlich hat er mir das Leben gerettet - wenn auch als einen Freund, auf den ich gut und gerne hätte verzichten wollen. Aber der wahre Freund zeigt sich eben in der Not!“

Zitat eines Stoma-Patienten

Vernetzung im Hospital – und darüber hinaus

Dass bei der Bewältigung dieser großen Herausforderung speziell geschulte Pflegekräfte zur Verfügung stehen, ist nicht selbstverständlich. „Viele Krankenhäuser arbeiten mit externen Stomatherapeuten zusammen“, erläutert Gisela Stevens. So war es bis 2005 auch im St. Franziskus-Hospital; seither wird das pflegerische Expertenwissen rund um Stoma, Kontinenz und Wunde systematisch im Hospital aufgebaut. „Unsere Patienten profitieren sehr davon, dass wir uns als internes Team intensiv um sie kümmern können.“

Die Stoma-Therapeutinnen entwickeln für jeden Patienten ein individuelles Versorgungskonzept – im Hospital und für zu Hause.

Ein wichtiger Aspekt sei die Vernetzung im Hospital. „Je nach individuellem Bedarf der Betroffenen arbeiten wir zum Beispiel eng mit der Ernährungsberatung, der Psycho-Onkologie und dem Sozialdienst im Haus zusammen“, sagt Schwester Franzis. „Außerdem stellen wir sicher, dass die Patientinnen und Patienten nach der Krankenhaus-Entlassung gut versorgt sind.“ Dazu gehöre es, den Kontakt zu einem Nachversorger mit Stomatherapeuten herzustellen, aber auch, über Selbsthilfegruppen zu informieren. „Vielen Betroffenen hilft der Austausch mit Menschen, die in der gleichen Situation sind“, sind sich die beiden einig.

Einig sind sie sich auch darin, dass sie als Pflegeexpertinnen für Stoma, Kontinenz und Wunde einen wichtigen Beitrag zur ganzheitlichen Betreuung der Patientinnen und Patienten leisten – und zur Entlastung ihrer Kolleginnen und Kollegen auf den Stationen. „Wir werden von den Stationen angefordert und gehen dorthin, wo unsere Patientinnen und Patienten betreut werden“, erläutert Gisela Stevens. „Dabei sind wir im gesamten Hospital unterwegs – aber immer wieder auf neuen Wegen“, ergänzt Franzis Helmer. Nur die Strecke bleibe in etwa gleich: „Tatsächlich haben wir festgestellt, dass jede von uns täglich mindestens fünf Kilometer im Hospital zurücklegt; sehr oft sind es aber auch zehn.“ In dieser Hinsicht hat sich ihr Alltag durch die Weiterbildung also nicht geändert: Die Pflege ist und bleibt ein Berufsfeld, in dem man viel auf den Beinen ist.

Ansprechpartner:

St. Franziskus-Hospital Münster

Zentrum für Darmerkrankungen

Chefarzt Prof. Dr. Matthias Brüwer

Hohenzollernring 70
48145 Münster

www.sfh-muenster.de