Mehr als 30 Jahre Kinästhetik im St. Franziskus-Hospital

In vieler Hinsicht hat sich in den letzten Jahren der Pflegeberuf sehr verändert. Ein Aspekt jedoch wird wohl immer dazu gehören: „Die Pflege ist und bleibt eine Tätigkeit, die körperlichen Einsatz erfordert – zum Beispiel beim Umbetten und Mobilisieren von Patientinnen und Patienten“, erläutert Leonhard Decker, Pflegedirektor im St. Franziskus-Hospital. Seit mehr als 30 Jahren setzt das Hospital daher auf das Konzept der Kinästhetik. „Unser Auftrag und unser Ziel ist es, die Pflegenden zu entlasten und in ihren Bewegungsabläufen so zu schulen, dass es der eigenen Gesundheit – und der des Patienten – zu Gute kommt“, erläutern die Kinästhetik-Trainer Anne Dauer und Udo Beckmann. Beide sind bereits viele Jahre als Gesundheits- und KrankenpflegerIn in der Pflege tätig und führen seit 2011 die Kinästhetik-Schulungen im St. Franziskus-Hospital durch. Zusätzlich stehen sie ihren Kolleginnen und Kollegen im Pflegealltag mit Rat und Tat zur Seite. Dabei erhalten sie viele positive Rückmeldungen – sowohl von den Mitarbeitenden als auch von den Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen.

„Lernen, wie es leichter geht“: Ein Bewegungskonzept setzt sich durch

Kinästhetik-Trainer Udo Beckmann und Anne Dauer führen die Kinästhetik-Schulungen im St. Franziskus-Hospital durch und stehen ihren Kolleginnen und Kollegen auch im Alltag zur Seite

Kinästhetik hat erst einmal nichts mit Krankheit zu tun, hat aber eine wichtige Anwendung in der Pflege gefunden. Dabei gibt nicht „die eine Technik“ oder „den speziellen Handgriff“, auf das sich das Konzept festschreiben lässt. „Zwar treten bestimmte Aktivitäten immer wieder in der Pflege auf – zum Beispiel das Umsetzen eines Patienten von der Bettkante in einen Rollstuhl“, erläutert Udo Beckmann, „aber diese Aktivität muss ja je nach den individuellen Fähigkeiten des Patienten immer wieder individuell gestaltet werden.“ „Man kann nicht jeden Patienten gleich mobilisieren“, bestätigt Anne Dauer, „und die Pflege-Teams auf den Stationen werden ja auch je nach Schicht neu zusammengestellt.“

So bietet die Kinästhetik keine konkrete Handlungsanweisung, sondern den Rahmen für den respektvollen, ressourcenorientierten Zugang zum Patienten. „Was mir an Kinästhetik besonders gefällt, ist, dass der Mensch als Ganzes betrachtet und angesprochen wird – sowohl die Pflegeperson als auch der Patient“, sagt Beckmann. Dabei erhöht die größere Bewegungskompetenz die Lebensqualität der Patienten erheblich – und macht auch den Pflegenden das Leben leichter.

„Kinästhetik ist keine spezifische Form einer Therapie, sondern eine Art ‚Grundschulung‘, eine allgemeine Förderung der individuellen Bewegungs- und Handlungskompetenz im Alltag, die sich an den eigenen Bewegungsmöglichkeiten und an der jeweiligen Situation orientiert.“

Kinästhetik Deutschland

Verlässlich vor Ort: „Aufsuchende Kinästhetik“ im St. Franziskus-Hospital

Seit drei Jahren realisieren Anne Dauer und Udo Beckmann im St. Franziskus-Hospital das Konzept der „Aufsuchenden Kinästhetik“. „Wir teilen uns eine Vollzeitstelle“, erläutern die Kinästhetik-Trainer. „Das ermöglicht es uns, auf den Stationen präsent zu sein und die Pflegenden im Alltag zu begleiten und zu unterstützen.“ Dabei wurde ein Rotationssystem eingeführt: Jeweils zwei Monate lang sind die beiden täglich von sieben bis neun Uhr auf einer Station, dann wechseln sie zur nächsten. Parallel stehen sie aber jederzeit für Anfragen von anderen Stationen zur Verfügung. So ist das Kinästhetik-Team immer nah am Geschehen und kann auch spontan zu Rate gezogen werden – in ganz konkreten Pflege- und Betreuungssituationen am Patientenbett.

Dabei geht es häufig darum, wie es den Pflegenden gelingen kann, weniger zu heben und zu tragen, sondern mit wenig Kraftanstrengung mehr zu ‚bewegen‘, indem sie die Patienten soweit es geht einbeziehen. Die Basis dafür ist eine hohe Achtsamkeit im Umgang mit den Patienten. „Wir schauen erst einmal darauf, was der Patient kann – nicht, was er nicht kann“, erläutert Anne Dauer. Dabei spielt auch die Kommunikation mit den betreuten Personen eine große Rolle. „Können Sie sich zu mir drehen? Können Sie sich in den Rollstuhl setzen?“ Anhand solcher Fragen sowie durch Beobachtung erfassen Pflegende, die kinästhetisch geschult sind, die Bewegungskompetenz der Patienten und fördern ihre Eigenaktivität.

„Die Kinästhetik vertritt auch eine besondere Haltung in der Pflege: Ziel ist es, die Patienten soweit es geht einzubeziehen und in ihrer eigenen Bewegungskompetenz zu fördern.“

Udo Beckmann

„In Pflege- und Betreuungssituationen geht es darum, die Selbständigkeit pflegebedürftiger Menschen zu unterstützen und sie Selbstwirksamkeit erfahren zu lassen“, erläutert Udo Beckmann. „Dadurch verläuft die Rehabilitation der Patienten oft schneller, und sie kommen nach dem Krankenhaus-Aufenthalt auch zu Hause meist besser zurecht.“

„Kinästhetik in der Pflege“: Je mehr, desto besser

Weil die positiven Effekte der Kinästhetik sich so deutlich zeigen, hat sich das St. Franziskus-Hospital zum Ziel gesetzt, alle Pflegenden mit dem Konzept vertraut zu machen. Dabei ist das Trainier-Team auf einem sehr guten Weg: Seit 2011 haben Anne Dauer und Udo Beckmann durch ihre Schulungen 700 Teilnehmer erreicht. Bei den Grund- und Aufbaukursen steht zunächst die Auseinandersetzung mit der eigenen Bewegung im Vordergrund. Große Teile des Kurses stellen den Praxisbezug zum Pflegealltag im Krankenhaus her und finden am Krankenhausbett statt.

Dabei werden typische Patientensituationen zuerst von den Kursteilnehmenden nachgestellt. Erst dann wenden die Pflegenden das Erlernte am Patienten an, wobei sie von ihrem Kinästhetik-Trainer begleitet werden. Wer sich für Kinästhetik begeistert und tiefer in die Materie einsteigen möchte, kann sich zum Praxis-Anleitern (Peer-Tutor) fortbilden lassen und im Pflegealltag die Kolleginnen und Kollegen auf der Station unterstützen. Sieben Mitarbeitende im St. Franziskus-Hospital haben inzwischen diesen Weg gewählt und ergänzen das Team von Anne Dauer und Udo Beckmann.

Stetig wachsendes Team, gebündelte Kompetenz: Die Kinästhetik-Trainer und Peer-Tutoren im St. Franziskus-Hospital stehen ihren Kolleginnen und Kollegen mit Rat und Tat zur Seite

„Die Patientinnen und Patienten werden mobil – und wir bleiben mobil!“

Mareike Levermann, Hedwig Laumann und Karen Asshorn

Eine dieser Peer-Tutorinnen, Gesundheits- und Krankenpflegerin Karen Asshorn, arbeitet auf Station 40. Hier haben alle 20 Pflegenden zumindest den Kinästhetik-Grundkurs absolviert, viele auch den Aufbaukurs. „Dieses gemeinsame Wissen erleichtert die Zusammenarbeit im Alltag sehr“, freut sich Karen Asshorn. „Das Konzept bestimmt inzwischen ganz selbstverständlich unsere Haltung den Patienten gegenüber – und unsere Herangehensweise im Pflegealltag.“ Dazu gehört auch, die räumliche Situation im Patientenzimmer einzubeziehen und gegebenenfalls zu verändern. „So könnte es vor einer Mobilisierung zum Beispiel sinnvoll sein, das Bett eines Patienten aus seiner Nische zu holen“, erläutert die Peer-Tutorin, „und dem Rücken tut es gut, wenn man sich beim Blutabnehmen auch mal kurz hinsetzt.“

Mareike Lewermann und Hedwig Laumann, das kinästhetisch geschulte Leitungsteam auf Sation 40, beschreiben anschaulich die Wirkung des kinästhetischen Arbeitens auf die Patienten. „Der Patient arbeitet mit – und profitiert davon, denn er erfährt sich als ‚Handelnder‘, nicht als ‚Be-Handelter‘‘‘, stellen sie fest. „Wenn die Patienten am Gesundheitsprozess mitwirken dürfen, erhöht das ihr Selbstbewusstsein und stärkt ihr Selbstwertgefühl.“ Durch diese Herangehensweise und den Einsatz kinästhetischer Hilfsmittel kann auch der Übergang in die häusliche Umgebung besser gelingen. Darüber freuen sich natürlich auch die pflegenden Angehörigen der Patienten – für die es übrigens auch spezielle Kinästhetik-Angebote gibt.

Lange Tradition, beste Perspektive: Kinästhetik im St. Franziskus-Hospital und in der St. Franziskus-Stiftung

Schwester Adelharda (83) ließ in den 1990er Jahren die ersten Kinästhetik-Schulungen im St. Franziskus-Hospital durchführen

Schwester Adelharda (83) ließ in den 1990er Jahren die ersten Kinästhetik-Schulungen im St. Franziskus-Hospital durchführen

Vor über 30 Jahren begann die Erfolgsgeschichte der Kinästhetik im St. Franziskus-Hospital, als Schwester Adelharda in den 1990er Jahren die ersten Kinästhetik-Schulungen in der Pflege durchführen ließ. Damals verpflichtete sie auch Prof. Christel Bienstein als Dozentin, die als „Wegbereiterin der Pflegewissenschaften“ gilt und seit 1994 das Institut für Pflegewissenschaft der Privaten Universität Witten/Herdecke leitet. Noch heute ist Schwester Adelharda im Orden der Mauritzer Franziskanerinnen für den Bereich Fortbildung zuständig. Auf Trägerebene wird zurzeit ein Kinästhetik-Rahmenkonzept als Leitlinie für alle Häuser der St. Franziskus-Stiftung erarbeitet.

Gut zu wissen

Grundsätzliche Informationen über das Konzept der Kinästhetik erhalten Sie z.B. auf den Internetseiten www.kinaesthetics.de und www.kinaesthetics.com. Beispiele und Stimmen aus der Praxis finden Sie auch auf Youtube, z.B. hier

Auch pflegende Angehörige können sehr von Kinästhetik profitieren und Schulungen zu Hause erhalten, die sich an der individuellen Situation orientieren. Nach §45 des Sozialgesetzbuches haben pflegende Angehörige sogar ein Anrecht auf entsprechende Pflegeschulungen, die über die Krankenkasse des Patienten abgerechnet werden. Fragen Sie nach – es lohnt sich!

Ansprechpartner:

Anne Dauer, Udo Beckmann
TrainerIn für Kinaesthetics

St. Franziskus-Hospital GmbH Münster
Hohenzollernring 70
48145 Münster

Tel. 0251-935 4243
kinaesthetics(at)sfh-muenster.de